Blaue Zeit ist der literarische Raum von Myría Kyaní.
Hier versammeln sich Gedichte und kurze Miniaturen, die aus Beobachtung entstehen –
aus Lichtwechseln, Stimmen, Wegen, aus Momenten, die sich nicht festhalten lassen.
Viele dieser Texte sind auf Kreta entstanden.
Andere bringen ihre eigenen Blautöne mit.
Die Seite ist offen gedacht.
Sie wächst Text für Text.
Das Licht hier ist gnadenlos
und zärtlich zugleich.
Es prüft jede Farbe,
jeden Stein.
Nichts entkommt ihm —
und vielleicht
liegt genau darin
seine Klarheit.
Drei Tage erst,
und doch fühlt es sich an
wie zurückkehren.
Ich war nie hier.
Kein Name vertraut,
kein Gesicht.
Nur dieses Licht,
das nichts verbirgt
und nichts verlangt.
Es fällt auf Zäune,
Zitronen,
Narben.
Auf alles gleich.
Ich gehe durch ein Dorf
ohne Eile.
Ein alter Mann nickt,
als hätte er mich erwartet.
Nicht heute,
aber irgendwann.
Am Rand des Hauses
liegt eine schmale Kante Licht.
Sie wandert die Wand hinauf,
als suchte sie etwas,
das wir nicht sehen.
Jeden Abend
sitzt eine alte Frau
vor ihrer Tür.
Der Himmel wird dunkler.
Sie sagt nichts.
Sie bleibt.
Der Fischer hört
auf das Wasser,
als spräche darunter
jemand,
den nur er versteht.
Ein Mann sitzt
vor seinem Haus.
Sein Blick
im Staub vor ihm,
wo das Licht
eine Linie zieht.
Er spricht nicht.
Doch sein Schweigen
ist kein Abstand —
sondern
eine Einladung.
Blau, das bleibt,
wenn alles andere geht.
Ein Boot atmet im Hafen.
Eine Zikade zieht
eine feine Spur
durch die Stille.
Die Sonne sinkt,
doch nichts fällt —
alles findet
seinen Ort.
Ich bin angekommen,
nicht irgendwo,
sondern
in mir.
Gestern ist nicht weg.
Es steht leiser
neben dem Heute.
Manchmal zeigt es sich
in einem Blick,
einem Geruch,
einem Schatten am Nachmittag.
Gestern ist die Farbe,
die das Jetzt
wärmer macht.
Am Abend
zieht das Licht
eine schmale Linie
über das Wasser.
Sie tut nichts
und verändert alles.
Am Abend
wird das Blau tiefer.
Es legt sich
über die Häuser,
über die Wege,
über die Schultern.
Nichts drängt,
nichts fordert.
Man sieht nur,
wie der Tag
leise wird
-
und die Zeit
für einen Moment
keine Richtung hat.
Alle Gedichte © mp