Blaue Gedanken
Gedanken und Stimmen, die bleiben – zwischen Meer, Licht, Erinnerung und dem, was uns berührt.
Gedanken und Stimmen, die bleiben – zwischen Meer, Licht, Erinnerung und dem, was uns berührt.
Blaue Gedanken ist kein literarisches Projekt im klassischen Sinn.
Es ist ein offener Raum für Wahrnehmung: für Sätze, Fragmente und kurze Texte,
die entstehen, wenn man hinsieht – auf Farbe, Licht, Zeit, Meer.
Hier geht es nicht um Deutung oder Theorie, sondern um Nähe.
Um das, was bleibt, wenn sich das Licht verändert
und Worte langsamer werden.
Neben eigenen Notizen stehen hier fremde Stimmen:
Zitate aus Literatur, Kunst und Erfahrung.
Nicht als Sammlung, sondern als lose Konstellation.
Diese Seite ist offen gedacht.
Sie wächst, verändert sich, nimmt auf und lässt los.
Wer etwas beisteuern möchte, ist eingeladen –
nicht zur Erklärung,
sondern zur Wahrnehmung.
Manche Gedanken lassen sich nicht fragmentieren.
Sie brauchen einen Atem, einen Weg, eine Bewegung.
Der folgende Text ist ein solcher Versuch.
Kein Kommentar, keine Erklärung –
sondern ein Verweilen im Blau.
Blau ist keine Farbe, die man besitzt.
Man kann sie nicht festhalten, nicht aufheben, nicht verbrauchen. Sie entzieht sich – selbst dort, wo sie am deutlichsten scheint: im Himmel über dem Meer, im Spiegel einer Wasserfläche, im fernen Gebirge. Blau ist immer schon Entfernung.
Der Himmel ist nicht blau, weil er Farbe trägt, sondern weil er Tiefe ist. Er antwortet nicht, wenn man ihn ansieht. Er öffnet sich. Je länger der Blick verweilt, desto mehr verliert sich das Auge in einer Klarheit, die nichts verspricht und doch alles enthält. Blau ist hier kein Zeichen, sondern ein Zustand: das Schweigen der Höhe.
Auch das Meer ist nicht einfach blau. Es nimmt die Farbe an, ohne sie zu behalten. Morgens ist es hell und unentschieden, mittags hart und glänzend, abends schwer, fast schwarz. Blau wird im Wasser beweglich. Es gerät in Falten, zerbricht am Ufer, zieht sich zurück und kehrt wieder. Wer auf das Meer blickt, sieht nie dieselbe Farbe zweimal. Blau ist hier Zeit.
Zwischen Himmel und Meer spannt sich ein Raum, der weder gehört noch beherrscht werden kann. Dieser Raum ist das eigentliche Blau. Es ist der Abstand zwischen dem, was wir erreichen, und dem, was wir nur anschauen dürfen. Vielleicht ist Blau deshalb die Farbe der Sehnsucht – nicht, weil es tröstet, sondern weil es offen lässt.
Blau drängt sich nicht auf. Es schreit nicht. Es steht nicht im Vordergrund wie Rot, es fordert nicht wie Gelb. Blau wartet. Es erlaubt dem Blick, weiterzugehen, ohne anzukommen. In dieser Geduld liegt seine Kraft. Wer Blau betrachtet, wird langsamer. Gedanken verlieren ihre Schärfe, Konturen werden weich. Das Denken beginnt zu schweifen.
Es gibt ein Blau der Ferne und ein Blau der Erinnerung. Beide ähneln einander. Was weit entfernt ist, wirkt oft klarer als das Nahe. Das Vergangene leuchtet manchmal ruhiger als die Gegenwart. Blau verbindet diese beiden Täuschungen: Distanz macht Dinge still, Erinnerung macht sie sanft.
Doch Blau ist nicht nur mild. In seiner Tiefe liegt auch Kälte. Das offene Meer kennt kein Erbarmen, der Himmel kein Mitleid. Blau kann gleichgültig sein. Gerade darin liegt seine Wahrheit. Es verspricht nichts. Es bleibt, was es ist: Weite ohne Zentrum, Ruhe ohne Ziel.
Vielleicht ist Blau deshalb die Farbe des Denkens. Nicht des schnellen, lösenden Denkens, sondern des verweilenden. Blau hält den Menschen auf Abstand zu sich selbst. Es erlaubt, zu schauen, ohne zu handeln. Zu sein, ohne zu benennen.
Wenn alles andere Farbe verliert, bleibt oft ein Rest von Blau: im frühen Morgen, im späten Abend, in der Stille nach dem Lärm. Es ist die letzte Farbe, die sich zurückzieht – und die erste, die wiederkehrt.
Blau ist kein Besitz.
Blau ist ein Ort, den man nur im Vorübergehen betritt.
-mp
Manche Gedanken entstehen nicht aus Tiefe,
sondern aus Abstand.
„Blue is darkness made visible.“
Derek Jarman, Blue (Film & Text), 1993
Abends zieht das Licht
eine schmale Linie
über das Wasser.
Sie tut nichts —
und verändert alles.
-mp
„Die Zeit ist nicht vergangen.
Sie hat sich nur in uns niedergelassen.“
Sinngemäß aus: Die Jahre (Les Années), dt. Ausgabe Suhrkamp
Begegnung
Ein Blick am Wegrand.
Kein Wort.
Nur Zustimmung,
dass der Tag
so bleiben darf.
-mp
„Die Farbe ist ein langsames Ereignis.“
Sinngemäß nach Gaston Bachelard - La poétique de l’espace (1957)
Der Abend wird verschickt,
noch bevor er ankommt.
-mp
Weitere Texte und Gedichte: