In der weiten Messará-Ebene erzählt Gortyn von Ordnung, Mythos und stillem Licht.
Hier steht Europas ältester Gesetzestext – und über ihm das beständige Blau Kretas. Hier verband sich Mythos mit Wirklichkeit: Unter einer Platane, die niemals welken sollte, liebte Zeus die Europa. Und hier schrieben Menschen ihr Zusammenleben in Stein: die Gesetzestafel von Gortyn, ältester erhaltener Gesetzeskodex Europas.
Die Buchstaben stehen noch heute klar in den Kalksteinplatten, sachlich wie das Licht über ihnen. Sie erzählen von Ehe, Eigentum und Freiheit, von Regeln eines Alltags, der längst vergangen ist und doch erstaunlich gegenwärtig wirkt.
Später wurde Gortyn römische Hauptstadt, mit Thermen, Basiliken und einem Gerichtshof. Davon sind nur Fragmente geblieben, doch die Atmosphäre trägt eine Ruhe, die von Ordnung spricht – und von einem Ort, der wusste, was Bestand bedeutet.
ca. 2000 v. Chr. – Erste Siedlungsspuren der Minoer
um 450 v. Chr. – Gesetzestafel von Gortyn entsteht
ab 69 v. Chr. – Römische Hauptstadt: Zentrum der Provinz Creta et Cyrenaica
1. Jh. n. Chr. – Titus, Schüler des Paulus, wirkt hier als erster bischof Kretas
824 n. Chr. – Zerstörung durch arabische Eroberer
Eine Stadt, die über Jahrtausende
politisches, juristisches und spirituelles Zentrum war.
Zwischen Olivenhainen, Steinpfaden und hellem Himmel wirkt Gortyn heute fast wie ein offenes Archiv.
Nichts drängt, nichts lenkt ab.
Die Ruinen stehen in der Landschaft, als hätten sie aufgehört zu verfallen.
Das Blau hier ist anders als am Meer –
gedeckter, ruhiger, fast durchscheinend.
Es begleitet den Ort, wie eine Farbe des Denkens.
Die Inschrift ist um 450 v. Chr. entstanden und gilt als ältester erhaltener Gesetzestext Europas.
Auf zwölf großen Steinblöcken, jeweils in boustrophedon-Schrift („wie der Ochse pflügt“), regeln die Tafeln Fragen des Alltags:
Ehe, Scheidung, Erbrecht, Eigentum, Sklavenrechte.
Auffällig ist ihre Nüchternheit – keine Mythen, keine Götter,
nur Alltag, klar und verbindlich.
Wer davor steht, spürt noch heute eine bemerkenswerte Sachlichkeit –
eine Ordnung aus Licht und Stein.
Europa im Platanenbaum – Silberdrachme aus Gortyn, 270–260 v. Chr., Münzkabinett Berlin, Inv. 18218457.
Foto: L.-J. Lübke / Münzkabinett Berlin, gemeinfrei (Public Domain Mark 1.0).
Am Ufer des Lethaios soll Zeus in Menschengestalt erschienen sein, nachdem er die phönizische Königstochter Europa als weißer Stier über das Meer nach Kreta getragen hatte.
Unter einer Platane, die niemals welken sollte, vereinte er sich mit ihr.
Das Motiv findet sich auf antiken Münzen, und Dichter wie Theokrit (3. Jh. v. Chr.) erwähnten den Baum als Sinnbild für Dauer und Erneuerung.
Aus dieser Verbindung gingen Minos, Rhadamanthys und Sarpedon hervor –
Gestalten, die später als Richter der Unterwelt galten.
So wurde Gortyn zum Ort der göttlichen Begegnung, während das nahe Phaistos als Sitz menschlicher Ordnung galt. Beide liegen bis heute wie zwei Pole über der Ebene der Messará - – wie Spiegelbilder von Mythos und Gesetz.
Von der berühmten Platane ist heute nichts mehr zu sehen. Der Baum wurde krank und gekappt – der Platz bleibt, still und offen am trockenen Flussbett.
Man weiß, dass hier einst ein Schatten war, der Geschichten trug.
Vielleicht treibt die Platane eines Tages wieder aus.
Nur wenige Kilometer von Gortyn entfernt steht das neue Archäologische Museum der Messará in Ampelouzos / Agioi Deka. Seit 2023 zeigt es Funde aus der ganzen Ebene – Keramiken, Freskenteile, Werkzeuge, Statuenfragmente und ein Stadtmodell von Gortyn.
Die Ausstellung macht spürbar, wie dicht hier Geschichte liegt: von der minoischen Zeit bis zur römischen Hauptstadt.
Offizielle Infos: messaramuseum.gr