Farben spielen auf Kreta seit Jahrtausenden eine besondere Rolle.
Bereits in der minoischen Zeit wurden Paläste, Wohnräume und Kultorte bemalt. Die erhaltenen Fragmente aus Orten wie Knossos, Phaistos oder Kommos zeigen, wie eng Farbe, Architektur und Licht miteinander verbunden waren – Blau, Rot und Ocker als Teil einer sichtbaren Weltordnung.
Mit dem Seehandel wurde die Insel früh Teil eines größeren kulturellen Raums. Materialien, Techniken und Bildvorstellungen gelangten nach Kreta und veränderten den Umgang mit Farbe. Das Blau des Meeres wurde dabei zu einem prägenden Hintergrund: als Zeichen von Ferne, Bewegung und Verbindung, aber auch als alltägliche Erfahrung einer Insel.
In der byzantinischen Zeit erhielt Farbe eine neue Funktion. In Kirchen und Klöstern diente sie weniger der Darstellung der sichtbaren Welt als der Orientierung nach oben – hin zu Himmel, Licht und Transzendenz. Blau wurde zum ruhigen Gegenpol von Gold und Ikonenlicht, nicht als Gefühl, sondern als Ordnung des Blicks.
Zwischen diesen Polen liegen Jahrhunderte des Wandels, der Übernahme und der Vereinfachung. Doch keine Epoche hat das Verständnis von Farbe auf Kreta so grundlegend geprägt wie diese beiden.
Bis heute wirkt diese Geschichte nach. In zeitgenössischer griechischer Kunst und Architektur erscheint Blau oft nicht als Zitat vergangener Formen, sondern als Haltung: reduziert, funktional, dem Licht verpflichtet. Farbe wird nicht inszeniert, sondern zugelassen.
So lassen sich die Farben Kretas als Spur durch die Geschichte lesen – als fortlaufende Beziehung zwischen Material, Licht und Zeit.
Farben aus Erde und Stein – Malerei als Teil des Alltags und der Landschaft. → Zur minoischen Farbwelt
Zwei Epochen, zwei Bildwelten – verbunden durch Licht und Farbe.