Zwischen den minoischen Palästen und den byzantinischen Klöstern liegen fast zweitausend Jahre Geschichte. Nach dem Ende der minoischen Kultur wurde Kreta von Mykenern, Griechen und Römern geprägt. Bereits in der Spätantike entstand auf der Insel eine der frühesten christlichen Gemeinden Europas. Im Mittelalter entwickelte sich daraus eine ausgeprägte Kloster- und Kirchenkultur, stark beeinflusst von Byzanz und eng verbunden mit den religiösen Zentren des östlichen Mittelmeerraums.
Mit dem Christentum veränderte sich auch die Funktion von Farbe. Was in der minoischen Kunst vor allem Natur, Bewegung und Weltbezug ausdrückte, wurde nun Teil einer religiösen Bildsprache. Farbe diente nicht mehr der Darstellung der sichtbaren Welt, sondern der Vergegenwärtigung des Göttlichen.
In den Fresken und Ikonen der kretischen Klöster – etwa in Arkadi, Preveli oder Odigítria – dominieren Blau und Gold. In der byzantinischen Ikonographie steht Gold für das göttliche, „unerschaffene“ Licht, einen Bildraum jenseits von Zeit und Materie. Blau verweist auf den Himmel, auf Weite und Transzendenz.
Die Maler arbeiteten nach festen Regeln und überlieferten Techniken. Ihre Werke waren nicht Ausdruck individueller Handschrift, sondern Teil einer gemeinschaftlichen religiösen Praxis. Ikonen und Fresken verstanden sich als Mittel der Andacht – eine Bildtradition, die auf Kreta bis heute sichtbar ist.
Das Kloster Arkadi ist einer der bekanntesten religiösen Orte Kretas. Seine historische Bedeutung reicht weit über die Funktion als Kloster hinaus. Für diese Seite ist Arkadi vor allem ein Beispiel dafür, wie byzantinische Bildtradition in klösterlichen Räumen bewahrt wurde.
Im Inneren der Klosterkirche hat sich eine bedeutende Sammlung von Fresken erhalten. Biblische Szenen und Heilige erscheinen in einer zurückhaltenden Farbigkeit, die der Andacht dient und den Raum ordnet. Arkadi ist damit nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein Zeugnis dafür, wie Geschichte, Glaube und Bildtradition auf Kreta ineinandergreifen.
Das Kloster Odigítria liegt südlich von Sivas, zwischen Olivenhainen und den Hängen der Asterousia-Berge. Abseits größerer Wege bewahrt es eine ruhige, zurückhaltende Präsenz.
In der kleinen Kirche haben sich Fresken aus dem 14. und 15. Jahrhundert erhalten. Erdige Rottöne, Ocker und ein kühles, beinahe graues Blau bestimmen die Darstellung. Dieses Blau wirkt nicht repräsentativ, sondern gesammelt – eine Farbe des Gebets, nicht der Schau.
Der Raum ist schlicht. Gerade dadurch treten Bilder, Licht und Stille in ein klares Verhältnis zueinander.
Kloster Odigítria
Ikone Christi, Kreta, 15. Jahrhundert
In den Ikonen der kretischen Klöster erhält Blau eine andere Funktion als in der Landschaft oder in der minoischen Bildwelt. Es steht nicht für Meer oder Himmel, sondern für einen Bildraum, der über die sichtbare Welt hinausweist. Der Hintergrund bleibt häufig golden –ein Zeichen des göttlichen, „unerschaffenen“ Lichts, das keinen natürlichen Ursprung hat und nicht an Zeit oder Ort gebunden ist.
Farbe ist in der byzantinischen Ikonenmalerei nie zufällig. Sie folgt festen Bedeutungen und Materialien, die über Jahrhunderte hinweg überliefert wurden. Jede Farbe trägt eine eigene Aussage – nicht als Dekoration, sondern als Teil einer geistigen Bildsprache.
Blau gilt als Farbe des Himmels und der göttlichen Gegenwart. Gewonnen aus kostbaren Mineralien wie Azurit oder Lapis Lazuli, später auch aus Indigo, war es selten und wertvoll. In den Gewändern Christi und Marias verweist Blau auf Weite, Tiefe und Transzendenz.
Die Farbgebung der Gewänder folgt dabei einer klaren Ordnung. Christus wird häufig in einem blauen Gewand über einem roten Unterkleid dargestellt: Blau steht für das Göttliche, Rot für das Menschliche. Maria erscheint meist umgekehrt – in Rot über Blau – als Zeichen des Menschlichen, das vom Göttlichen umhüllt wird.
Gold steht für das göttliche Licht selbst. Es ist kein Hinweis auf ein irdisches Metall, sondern öffnet den Bildraum und hebt ihn aus der sichtbaren Welt heraus. Rot bezeichnet Leben, Liebe und Opfer – das Wirken Gottes im Menschlichen. Ocker und Grün verbinden das Geistige mit der Erde und der Schöpfung.
So verbinden Ikonen Himmel und Alltag, Transzendenz und Welt. Farbe wird zum Träger von Bedeutung, nicht zur Illustration. Das Blau dieser Bilder bleibt gedämpft und ruhig. Es wirkt gesammelt und zurückhaltend – eine Farbe des Glaubens, nicht der Schau.
Blau erscheint in den Ikonen nicht als Dekor, sondern als Teil einer überlieferten Bildordnung. Es trägt Bedeutung, ohne sie auszustellen.
In Klöstern und Kirchen Kretas hat sich diese Ordnung über Jahrhunderte erhalten. Farbe wird hier nicht erneuert, sondern weitergegeben – von Generation zu Generation.
Auf Kreta überlagern sich diese Spuren.
Minoische Bildräume, byzantinische Ikonen und spätere Traditionen greifen ineinander. Jede Epoche bringt ihr eigenes Blau hervor – und bewahrt zugleich Reste der vorhergehenden.
Die Handhaltung Christi in byzantinischen Ikonen folgt keiner freien Geste.
Sie ist ein überliefertes Zeichen.
Die Finger formen die griechischen Buchstaben ΙϹ ΧϹ – die Abkürzung für Jesus Christus.
Zugleich verweisen zwei gestreckte Finger auf die göttliche und menschliche Natur Christi, drei gebeugte Finger auf die Dreifaltigkeit. So wird der Segen nicht dargestellt, sondern geschrieben. Die Hand spricht.
Diese Bedeutung erschließt sich nicht aus dem Sehen allein, sondern aus der festgelegten theologischen Bildsprache der Ikone.
Die Bedeutung des Goldgrunds als Symbol des göttlichen, „unerschaffenen“ Lichts ist umfassend beschrieben bei:
Otto Demus, Byzantine Mosaic Decoration (1948), sowie bei Leonid Ouspensky, The Theology of the Icon (1982).
Zur Farbsymbolik der Gewänder von Christus und Maria vgl.:
André Grabar, Iconographie de l’Art Chrétien (1968–1979),
sowie Constantine Cavarnos, Guide to Byzantine Iconography (1993).
Zur kretischen Schule der Ikonenmalerei und zu verwendeten Pigmenten siehe u. a.:
Ch. Stephan, Icons of Cretan Painters (1984).
Naturwissenschaftliche Untersuchungen belegen den Einsatz von Azurit, Lapis Lazuli und Indigo in byzantinischen und postbyzantinischen Ikonen (vgl. Getty Conservation Institute, Pigment- und Materialanalysen).