Denker und Dichter im Blau
Eine Anthologie von Licht, Tiefe und Wahrnehmung
Eine Anthologie von Licht, Tiefe und Wahrnehmung
Diese Seite versammelt Stimmen, von den ersten Philosophen bis zu heutigen Dichtern, die das Blau zu denken, zu sehen oder zu fühlen versuchten.
Original:
οἶνοψ πόντος
Übersetzung:
„das weinfarbene Meer“
Quelle:
Homer, Odyssee (Formelvers, mehrfach belegt, u. a. Buch 1, Vers 183)
Deutung:
Homer beschreibt das Meer nicht physikalisch, sondern erfahrungsnah.
Farbe ist hier kein messbarer Wert, sondern ein Ausdruck von Stimmung, Tiefe und Bewegung.
Blau erscheint noch nicht als Begriff, aber als Empfindung.
Original:
Πᾶν τὸ ὁρατὸν φωτὸς ἀπόρροια.
Übersetzung:
„Alles Sichtbare ist eine Ausstrahlung des Lichts.“
Quelle:
Plotin, Enneaden I, 6, 3
Deutung:
Für Plotin entsteht die Welt nicht aus Materie, sondern aus Licht.
Farbe – und damit auch Blau – ist kein Stoff, sondern ein Moment des Erscheinens:
eine Zwischenstufe zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren
Original:
τὸ χρῶμα πέρας τοῦ διαφανοῦς
Übersetzung:
„Die Farbe ist die Grenze des Durchsichtigen.“
Quelle:
Aristoteles, De Sensu 439a
Deutung:
Aristoteles versteht Farbe als Grenzphänomen:
Sie entsteht dort, wo Licht auf ein Medium trifft.
Blau ist in diesem Denken kein Gegenstand, sondern eine Schwelle zwischen Licht und Stoff
Original:
ἡ γῆ … κυανῆ φαίνεται καὶ καθαρά
Übersetzung:
„Die Erde erscheint … blau und rein.“
Quelle:
Platon, Phaidon 109b
Deutung:
Platon beschreibt die Welt aus einer übergeordneten Perspektive.
Blau ist hier keine sinnliche Farbe, sondern ein Zeichen von Ordnung, Reinheit und Distanz.
Es verweist auf eine Wirklichkeit jenseits der unmittelbaren Erfahrung.
Original:
ὁ ἥλιος καινὸς ἐφ᾽ ἡμέρῃ ἐστίν
Übersetzung:
„Die Sonne ist jeden Tag neu.“
Quelle:
Heraklit, Fragment B6 (DK)
Deutung:
Heraklit denkt Wahrnehmung als fortwährende Veränderung.
Licht ist nie identisch mit sich selbst.
Was wir sehen – auch das Blau – ist immer ein momentanes Ereignis.
Original:
“The rays are not coloured.”
Übersetzung:
„Die Strahlen selbst sind nicht gefärbt.“
Quelle:
Isaac Newton, Opticks (1704), Book I, Part II
Deutung:
Newton trennt Licht und Farbe radikal.
Farbe liegt nicht im Licht selbst, sondern entsteht erst durch Brechung und Wahrnehmung.
Damit beginnt die moderne, naturwissenschaftliche Betrachtung des Sehens.
Original:
„Neben der Finsternis nennen wir Blau.“
Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe, Zur Farbenlehre (1810), Didaktischer Teil
Deutung:
Goethe widerspricht Newton.
Blau entsteht für ihn nicht aus Zerlegung, sondern aus Spannung:
dort, wo Licht an seine Grenze stößt.
Blau ist nicht messbar, sondern erfahrbar.
Original:
“Colour is a specially modified activity of the retina.”
Übersetzung:
„Farbe ist eine eigens modifizierte Tätigkeit der Netzhaut.“
Quelle:
Arthur Schopenhauer, On Vision and Colours (1816)
Deutung:
Schopenhauer verlagert Farbe vollständig in den Wahrnehmungsakt.
Sie gehört nicht den Dingen, sondern dem Sehen selbst.
Blau ist kein Objekt – sondern ein Vorgang.
Original (sinngemäß):
„Le bleu advient entre lumière et corps.“
Übersetzung:
„Blau ereignet sich zwischen Licht und Körper.“
Quelle:
Maurice Merleau-Ponty, Le visible et l’invisible (1964, Nachlass)
Deutung:
Merleau-Ponty denkt Farbe als Beziehung.
Blau ist weder im Licht noch im Auge allein,
sondern entsteht im Zwischenraum von Welt und Wahrnehmung
Original:
„Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen nach dem Unendlichen.“
Quelle:
Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst (1911)
Deutung:
Kandinsky löst Blau aus der Optik.
Die Farbe wirkt nach innen, nicht nach außen.
Blau wird zur seelischen Bewegung – nicht zur Oberfläche.
Original:
“In visual perception a color is almost never seen as it really is.”
Übersetzung:
„In der visuellen Wahrnehmung wird eine Farbe fast nie so gesehen, wie sie wirklich ist.“
Quelle:
Josef Albers, Interaction of Color (1963)
Deutung:
Albers zeigt: Farbe ist relativ.
Sie verändert sich mit jedem Kontext.
Blau ist niemals allein – es entsteht immer im Verhältnis.
In der Sprache der Dichter wird Blau zu Erinnerung, Ferne und Bewegung.
Eine Farbe, die denkt und fühlt zugleich.
Original:
„Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit.“
Quelle:
Novalis, Heinrich von Ofterdingen, Erster Teil, Kapitel 1 (1802)
Deutung:
Die Blaue Blume ist kein Gegenstand, sondern ein Zustand.
Blau wird zur Farbe der Sehnsucht, der Ferne und des noch Ungesagten.
Ein Ursprung aller späteren poetischen Blau-Bilder.
Original:
„… hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.“
Quelle:
Rainer Maria Rilke, Blaue Hortensie, in: Neue Gedichte (1907)
Deutung:
Rilkes Blau ist nicht sichtbar, sondern angedeutet.
Es liegt in der Distanz, im Spiegeln, im Verfehlen.
Blau als Ahnung, nicht als Besitz.
Original:
“Wherever I touch Greece, I find the sea.”
Übersetzung:
„Wo immer ich Griechenland berühre, finde ich das Meer.“
Quelle:
Giorgos Seferis, Diaries, Eintrag 1945
Deutung:
Das Meer ist keine Landschaft, sondern Grundbedingung.
Blau wird zur allgegenwärtigen Linie,
die Erinnerung, Geschichte und Gegenwart verbindet.
Original:
„Αν αποσυνθέσεις την Ελλάδα, στο τέλος θα απομείνει
ένα δέντρο, ένα αμπέλι και ένα καράβι.“
Übersetzung:
„Wenn du Griechenland zerlegst, bleiben ein Baum,
ein Weinstock und ein Boot.“
Quelle:
Odysseas Elytis, Axion Esti (1959)
Deutung:
Elytis verdichtet Griechenland auf elementare Bilder.
Blau lebt hier nicht als Farbe, sondern als Bewegung:
im Boot, im Licht, im offenen Raum
Original:
« La mer, la mer, toujours recommencée ! »
Übersetzung:
„Das Meer, das Meer, stets von Neuem beginnend!“
Quelle:
Paul Valéry, Le Cimetière marin (1920)
Deutung:
Das Meer ist reines Denken in Bewegung.
Jede Welle ist neu, ohne Ursprung und ohne Ziel.
Blau wird zur Form der Wiederkehr.
Original:
“The sea is History.”
Übersetzung:
„Das Meer ist Geschichte.“
Quelle:
Derek Walcott, The Sea Is History (1979)
Deutung:
Das Meer trägt Erinnerung, Gewalt und Herkunft.
Blau ist hier kein Trost, sondern Speicher.
Ein Raum, in dem sich Geschichte eingeschrieben hat
Original:
“That this blue exists makes my life a remarkable one.”
Übersetzung:
„Dass dieses Blau existiert, macht mein Leben zu einem bemerkenswerten.“
Quelle:
Maggie Nelson, Bluets (2009)
Deutung:
Blau wird hier zum persönlichen Maßstab des Daseins.
Kein Symbol, keine Theorie –
sondern eine intime, gegenwärtige Erfahrung
Nobelpreis für Literatur 2011
Original (engl. Übersetzung):
“The blue is so deep that you can sink without drowning.”
Übersetzung:
„Das Blau ist so tief, dass man sinken kann, ohne zu ertrinken.“
Quelle:
Tomas Tranströmer, Den halvfärdiga himlen (Der halbfertige Himmel, 1962),
Übersetzung: Robin Fulton
Deutung:
Tranströmers Blau ist Tiefe ohne Bedrohung.
Ein Raum, der trägt, während man sich ihm überlässt.
Blau als existenzielle Ruhe.
Zwischen Erklärung und Empfindung bleibt das Blau offen.
Es denkt, fühlt und leuchtet zugleich – und entzieht sich doch dem Besitz.
Vielleicht ist das sein Geheimnis: Es ist da, wo wir es sehen.
Wie Blau auf Kreta selbst erscheint → Warum Blau
Ein Blick über die Seite hinaus: zeitgenössische Ansätze, die Farbe, Licht und Wahrnehmung neu denken – von Philosophie über Kunsttheorie bis zur Literatur.
Maurice Merleau-Ponty – Das Sichtbare und das Unsichtbare (1964)
Wahrnehmung nicht als Abbild, sondern als Ereignis zwischen Welt und Blick.
Josef Albers – Interaction of Color (1963)
Farbe existiert nicht isoliert; ihr Blau entsteht durch das, was danebensteht.
David Batchelor – Chromophobia (2000)
Über die kulturellen Ängste und Zuschreibungen, die Farben prägen.
Michel Pastoureau – Blau. Geschichte einer Farbe (2002)
Eine moderne Kulturgeschichte des Blaus – von Symbolik bis Alltag.
James Turrell – Skyspaces & Light Installations
Licht als Material: Räume, die Farbe erst sichtbar machen.
Olafur Eliasson – Room for one colour / The Weather Project
Wie Licht Wahrnehmung verändert – und Blau zum Zustand wird.
Yves Klein – Monochromes & IKB
Das radikal gedachte Blau als „Grenze ohne Form“.
Tomas Tranströmer – Den halvfärdiga himlen (1962)
Poesie des inneren Lichts: Blau als Tiefe, die trägt.
Rebecca Solnit – A Field Guide to Getting Lost (2005)
Die ferne Kante der Welt – warum Blau immer dort beginnt, wo wir nicht sind.
Maggie Nelson – Bluets (2009)
Ein modernes Fragmentbuch über Sehnsucht, Verlust und die Farbe Blau.
Derek Walcott – The Sea Is History (1979)
Das Meer als Archiv, Blau als Gedächtnis.
Odysseas Elytis – Axion Esti (1959)
Licht, Transparenz und die poetische Geometrie Griechenlands.
Giorgos Seferis – Logbook III
Meer und Erinnerung: Linien, die Orte und Zeiten verbinden.
Auswahl & Konzeption: Myría Kyaní