„Ich stamme aus einem kleinen Land.
Es hat keine Reichtümer, um zu prahlen,
und nichts, was es von anderen unterscheidet,
außer den Mühen seiner Menschen,
dem Meer und dem Licht der Sonne.
Ein kleines Land, das über Jahrhunderte Prüfungen ertragen hat,
Kriege, Armut, Fremdherrschaft.
Und doch hat es nicht aufgehört, die Sprache des Menschen zu sprechen,
den Glauben an die Freiheit,
und die Achtung vor der Schönheit.“
— Giorgos Seferis, Nobelpreis für Literatur 1963
Kreta ist eine Insel des Lichts
Zwischen Bergen und Meer verändern sich Farben mit der Stunde.
Morgens weich, mittags klar, am Abend gedämpft.
Linien, Wind und Schatten formen Orte neu –
nicht als Fixpunkte, sondern als Wahrnehmungen im Wandel.
Dieses Notizbuch versammelt Eindrücke, Fragen und Beobachtungen.
Es sucht keine eindeutigen Antworten,
sondern hält fest,
was Licht, Farbe und Zeit hier auslösen.
Farben wirken, bevor wir Worte dafür finden.
Sie sprechen weniger über den Verstand als über Wahrnehmung und Erinnerung.
Auf Kreta ist Blau kein isolierter Farbton.
Es entsteht aus der Landschaft selbst:
aus dem Staub der Wege, der das Licht bricht, aus Steinen, die den Tag speichern, und aus dem silbrigen Grün der Oliven, das Blautöne nuanciert.
Erst im Zusammenspiel mit Weiß, Ocker und Grün zeigt sich die Weite, die die Insel prägt.
„Blue has no dimensions – it is beyond dimensions.“ — Yves Klein, Lecture at the Sorbonne, 1959.
Wenn man auf das Meer schaut, verändert sich etwas –
im Blick, im Körper, im Tag.
Blau wird dann weniger zu Farbe als zu Empfindung.
Wind lässt nach, Licht berührt Flächen.
Spuren des Tages erzählen, ohne laut zu werden.
Dieses Blau fühlt sich an wie Ankommen.
Nicht an einem Ort, sondern im eigenen Blick.
Ein einziges Wort genau für dieses Gefühl gibt es nicht.
Aber es gibt Worte, die darum kreisen – jedes mit einem eigenen Klang:
καημός (kaimós) – bittersüße Sehnsucht, warm im Schmerz.
νόστος (nóstos) – Heimkehr, das unterwegs mit Blick zurück.
γαλήνη (galíni) – tiefe Ruhe, stille See.
φως (phos) – Licht, auch als geistige Helligkeit.
ντέρτι (dérti) – ziehen im Herz, wie Moll in der Musik.
Und für das Licht selbst:
δειλινό (deilinó) – Abendlicht, Dämmerung.
λυκόφως (lykófos) – Zwielicht.
λυκαυγές (lykavgés) – erstes Morgenlicht.
Diese Worte umkreisen ein Erlebnis, das mit Sehen, Zeit und Raum verbunden ist – nicht mit einer einzigen Definition.
Manche Wörter tragen eine lange Geschichte in sich. „Lyrik“ ist eines davon.
Es kommt vom griechischen lyra (λύρα) – einem Saiteninstrument, zu dem gesungen wurde.
Daraus entstand lyrikós – „zur Lyra gehörig“, später lyricus, lyrique, lirico, bis es schließlich als „Lyrik“ ins Deutsche kam.
Am Anfang stand also der Klang. Nicht die Analyse, nicht die Literatur – der Klang.
Berlin war grau, der Frühling noch fern.
Jemand sagte: „Fahr nach Kreta – Matala, Palmenstrand, das blaue Meer.“
Wir fuhren los, zu viert, im alten VW-Bus – nicht weil wir suchten, sondern weil wir rausmussten:
aus der Kälte, aus dem Lärm, in ein Licht, das echt war.
Die Straßen wurden schlechter, die Dörfer kleiner. Die Fähre nach Kreta war alt, laut und roch nach Diesel,
aber als die Insel im Morgenlicht auftauchte, war klar, dass etwas beginnt.
„Je tiefer das Blau, desto stärker zieht es in die Unendlichkeit.“ — W. Kandinsky Concerning the Spiritual in Art (1911).
Manchmal zeigt sich das Blau nicht als Farbe, sondern als Raum.
Über Häusern, Leitungen, Antennen spannt sich ein Himmel, der alles zusammenhält.
Von unten betrachtet ist nichts ideal: Beton, Kanten, Fahnen im Wind. Und doch steht über allem diese blaue Kuppel – weit, geschlossen, selbstverständlich.
Man bemerkt sie nicht immer.
Aber sie ist da.
Auf Kreta begegnet man dem Mati (μάτι) im Alltag. Als Glasanhänger, Perle oder kleines Zeichen an Türen, Spiegeln, Werkzeugen.
Es ist ein Schutzsymbol gegen den „bösen Blick“ – jenen neidischen oder missgünstigen Blick, dem man Unglück oder Schaden zuschreibt.
Typisch sind konzentrische Kreise in Blau, Weiß und Schwarz, die ein Auge formen.
Die Vorstellung dahinter ist einfach: Ein Blick wird durch einen Blick abgewehrt.
Diese Praktiken gehören zur Volkskultur – privat, ohne öffentliche Inszenierung.
Auf Kreta ist das blaue Auge kein dekoratives Motiv. Es gehört zum Alltag.
Ein Zeichen, das man anbringt – und dann vergisst.
Zeit
Blau vergeht langsam.
Es ist die letzte Farbe des Abends
und die erste des Morgens.
Zwischen beiden hält es die Zeit an.